Das spekulative Fortschritts-Märtyrertum

Erste Prämisse: Der Siegeszug des Rationalismus brachte durch den gleichzeitigen Bedeutungsverlußt der religiösen Wertesysteme ernste Sinnstiftungskrisen in der westlichen Welt mit sich, von denen bis heute jede Generation betroffen ist.

Zweite Prämisse: Wir sind alle links und werden immer linker. Dadurch daß die Popkultur die Ideen der Frankfurter Schule begeistert absorbierte und über Jahrzehnte hinweg mit beispielloser Kreativität verarbeitete, konnte sich eine Grundhaltung gesellschaftlicher Selbstkritik bis in die Alltagskultur hinein durchsetzen (Dekonstruktion). Haltungen, die auf den alten bürgerlichen Werten wie zum Beispiel Leistungsbewußtsein, Ehre, Ordnung und Disziplin basieren, begegnen vor dem Hintergrund der Annahme, die Weltkriegskatastrophen verschuldet zu haben, einer oft emotional aufgeladenen Feindseligkeit oder werden zur Belustigung aller öffentlich verhöhnt. Die CDU driftet immer weiter nach links. Konservativ Denkende gewinnen keine Mehrheiten mehr.

Die These: Immer mehr Menschen spekulieren auf heroïsche Vorreiterrollen im sozialen Fortschritt, um dadurch persönliche Sinnstiftungsdefizite zu kompensieren und entfernen sich dabei immer mehr von christlich-humanistischen Maßstäben.

Galileo Galileï, Simone de Beauvoir, Martin Luther King, Nelson Mandela. Überall werden heute mutige Wegbereiter revolutionärer Ideen gefeiërt, die am Anfang hart bekämpft wurden, doch am Ende Recht behalten haben. Uns Nachgeborenen wird vermittelt: Ihr Kampf hat sich gelohnt. Ihr Leben war sinnvoll.
Die Mediën stilisieren die unbeugsamen Pioniere gerne (und nicht unverdient) zu Helden oder modernen Märtyrern. Durch die popkulturelle Maschinerie endlos vervielfältigt, überhöht man ihre Konterfeis allmählich zu unsterblichen Ikonen.

Nun haben die Protagonisten des sozialen Wandels mit ihren glorifizierten Biographiën starke Anreize zur Nacheiferung geschaffen. Von Musikern, Autoren und Filmregisseuren immer wieder aufgegriffen, hat sich durch all diese Erfolgsstories im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts eine Erwartungshaltung an die Geschichte aufgebaut, die dazu verleitet, auf die künftige Relevanz emanzipatorischer Bewegungen zu spekulieren:

Wenn ich meiner Zeit mit irgendwas voraus bin, wird die Nachwelt mich lieben und meinen Namen nie vergessen.

Die Geschichte wird anhand der Erfolge vergangener Bürgerrechtsbewegungen hochgerechnet: Demokratische Fortschritte von gestern bilden die Rückständigkeit von morgen. Mit ein bißchen Glück, ist man rechtzeitig auf die richtige Welle aufgesprungen und in der Zukunft ein Held.
Aufgrund dieser biographisch bedingten Avantgarde-Versessenheit suchen nun alle händeringend nach neuën Minderheiten, entrechteten Randgruppen und weiteren Mißständen, die sich zur historischen Profilierung eignen und damit dem eigenen Dasein Sinn verleihen.

Durch den existentiëllen Druck, mit dem eigenen Lebenslauf zum sozialen Fortschritt beitragen zu müssen, reicht es nun nicht mehr aus, sich in karitativen Organisationen oder gar kirchlich zu engagieren. Stattdessen geht es um einen Wettlauf um die letzten Ungerechtigkeiten.
Philanthropie is over: Es erscheint lohnender, sich für die Gleichstellung von Mensch und Tier, unberührte Natur, exzentrische Lebensstile oder für die Rechte künstlicher Intelligenz einzusetzen. Der jeweilige Mangel an gesellschaftlicher Akzeptanz definiert quasi die Attraktivität des jeweiligen Solidaritätsziels. Der spekulative Fortschritts-Märtyrer handelt also amoralisch, denn er läßt sich von einem opportunistischen Automatismus leiten: Alles was die Mehrheit ablehnt, muß verteidigt werden.

Ich komme somit zu dem Ergebnis, daß ein Teil des heutigen politischen Engagements hoffnungslos narzißtisch motiviert ist, also nicht echter Empathie oder aufrichtigem Altruïsmus entspringt. Die wahren Beweggründe liegen meilenweit entfernt von lobenswerter Menschenfreundlichkeit: Eigentlich träumt man nur davon, mit einem Radiohead-Song gewürdigt oder von Jim Jarmush verfilmt zu werden. Die Adelung des Lebenswerks durch dieselbe Popkultur, der man die sozialromantischen Tendenzen verdankt.
Statt die Not der Mitmenschen lindern zu wollen, interessieren sich die Akteure der hier dargestellten egomanen Protestkultur ausschließlich für das ethische Zitier-Potenzial ihrer Haltung, um später bescheinigt zu bekommen: Der hat´s schon immer gewußt!
Wichtiger als eine Verbesserung der Verhältnisse ist die eigene Mitwirkung.

Natürlich heißt das nicht, daß das Bemühen selbst profilneurotischster Aktivisten niemals etwas Gutes bewirken kann. Kritisch anzumerken bleibt jedoch, daß die obsessive Problemoriëntiertheit der spekulativen Fortschritts-Märtyrer nicht selten Pseudo-Mißstände identifiziert, zudem bisherige Errungenschaften völlig entwertet und die Gegenwart dazu verurteilt, für alle Ewigkeit ein lebensunwerter Ort zu sein. Vor lauter Progressivität kann Fortschritt nicht mehr erlebt werden.

Gleichzeitig macht der kollektive Weltretter-Anspruch die Normalität für den Einzelnen allmählich immer unerträglicher. Ein gewöhnliches Leben zu führen, bedeutet eine Katastrophe. Glück und Selbstwertgefühl können nicht mehr intrinsisch generiert werden. Beides ist nun abhängig vom Urteil der Geschichte, die scheinbar nur Avantgardisten belohnt. Allein durch die Hoffnung auf den posthumen Ruhm eines historischen Besserwissers läßt sich die eigene Durchschnittlichkeit aushalten.

Das Paradoxon, das sich hier abzeichnet, gibt Anlaß zur Sorge um die Zivilisation selbst: Die Welt stiftet nur noch als Problem Sinn, nicht als positive Vision und so legitimieren ausgerechnet philanthropische Motive einen grenzenlosen Haß auf die Menschheit.

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